Was macht Jungs zu Massenmördern?

2. Oktober 2009 at 1:12 pm Hinterlasse einen Kommentar

Böse Jungs und fertig? – von Yvonne Globert

„Ich wollte unbedingt jemanden umbringen. Ich wollte zu den Leuten gehen und sagen: Ich erschieß jemanden für euch für ´ne Packung Zigaretten.“ Roger hat es nicht getan. Zwei Männer hielten ihn auf, als er sich wütend auf seine Mutter stürzte. Roger kam nicht mehr dazu, sich wie geplant eine Automatikwaffe zuzulegen und erst seine Mitschüler und dann sich selbst zu erschießen. Roger landete in der psychiatrischen Klinik und wurde Patient des US-amerikanischen Psychologen Peter Langmann

Keine simplen Erklärungen
Roger, schreibt Langman in seinem gerade auf dem deutschen Markt erschienen Buch „Amok im Kopf“, habe seiner Umwelt mit den „kaltblütigsten Aussagen, die ich je von einem Patienten gehört habe“, „einfach nur Angst“ gemacht. Töten aus Langeweile, mal eben so. So einer hätte der Jugendliche werden können. Lassen sich also Roger und mit ihm all jene Amokläufer, die tatsächlich Mitschüler und Lehrer ermordeten, als adoleszente Monster abtun, böse Jungs und fertig?

Falsch. Langman hat vielmehr ein längst überfälliges Pamphlet geschrieben gegen jede Form von Vereinfachung, in die junge Amokläufer gepresst werden, seit dem ersten großen Massaker an der Columbine High School.

Langman liefert dem Leser keine schlichte Gleichung, an deren Ende ein Amokläufer steht. Stattdessen hat er sämtliche Polizeiberichte, medizinische Dokumente und private Aufzeichnungen gelesen, die um zehn jugendliche Amokläufer existieren. Mit dem Blick eines erfahrenen Psychologen hat er sie auf Charakteristika analysiert und auf Gemeinsamkeiten abgeklopft.

Langman unterscheidet vor allem drei Kerntätertypen: Etwa den psychotischen Täter, der sich abnorm fühlt, unter einem geringen Selbstwertgefühl leidet, voller Neid die Erfolge seiner Mitmenschen verfolgt und nicht selten paranoid ist. Langman hebt auch traumatisierte Amokläufer hervor, die sich etwa durch Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit ein Leben lang bedroht fühlen und extrem wachsam auf ihre Umwelt reagieren. Und dann gibt es ihn, den psychopathischen Täter, in dessen Profil auch Roger gepasst hätte. In diese Gruppe fallen junge Mörder, die extrem narzisstisch sind, sich überlegen fühlen, keinerlei Empathie empfinden, dafür Freude am Schmerz anderer. Geht es nicht nach ihren Wünschen, können sie ihre Aggression kaum im Zaum halten. Dennoch gelingt es ihnen, ihre Umwelt perfekt zu täuschen; Täter, die in diese Kategorie fielen, planten Amokläufe, während sie weiter brav zur Schule gingen. Gründe für ihren Hass auf die Welt können früh erfahrene Minderwertigkeitskomplexe sein, die sie mit Machtphantasien kompensieren.

Was Langman insgesamt immer wieder verdeutlicht: Es sind nicht die vielzitierten Mobbing-Erfahrungen in der Schule oder die Waffenlager im elterlichen Schlafzimmer, die die Bombe im Kopf zünden. Auch nicht die eigene Isolation oder die Existenz von Gewaltvideos. Unzählige Jugendliche müssten nach dieser Rechnung durchdrehen, so Langman, tun es aber nicht. Zuweilen waren es die Täter selbst, die andere schikanierten. Und nicht wenige hatten viele Freunde. Vor allem aber hatten alle eine extreme Wut in sich. Alle Jungs.

Langman spricht nur von einem einzigen Mädchen, das als potenzielle Amokläuferin infrage kam. Auch junge Frauen, so sein Fazit, können durchdrehen, tun es aber tatsächlich seltener. Bei den Jungs fällt auf, wie häufig ihnen offenbar Scham, Neid und das Gefühl, als Mann zu scheitern, zu schaffen machten.

Langmans wichtigste Forderung, um einen Amoklauf zu verhindern, lautet daher: Das Schweigen brechen. Das der Täter, aber auch der Eltern, denen das eigene Kind seltsam erscheint. Das der Freunde, die eine Drohung mitbekommen aber nicht petzen wollen. Der Lehrer, die verstörende Aufsätze lesen. Eine einfache Lösung hat der Autor auch hier nicht parat.

Peter Langmann: Amok im Kopf. Warum Schüler töten. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2009, 19,95 Euro.

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Dokument erstellt am 01.10.2009 um 16:43:05 Uhr
Letzte Änderung am 02.10.2009 um 09:37:31 Uhr
Erscheinungsdatum 02.10.2009 | Ausgabe: d

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