Rede von Bundespräsident Johannes Rau

26. Juli 2010 at 12:34 pm Hinterlasse einen Kommentar

zum Gedenken an die Opfer des Mordanschlages vor dem Dom zu Erfurt, die noch immer eine hohe aktuelle Bedeutung hat (Auszüge).

„…. Wenn unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, wenn unsere Familien, unsere kleinen Gemeinschaften, unsere Schulen, unsere Betriebe, unsere Vereine zusammenhalten sollen, dann müssen wir uns umeinander kümmern.

Wir brauchen zweierlei: Wir müssen einander achten und wir müssen aufeinander achten.

Wir müssen einander achten: Niemand darf abgedrängt werden, niemand darf an einen Punkt kommen, an dem er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann, weil er „nichts bringt“, wie man so sagt. Kein Mensch kann leben ohne Zuwendung, ohne Geborgenheit, ohne Liebe. Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann.

Wir müssen aber auch aufeinander achten: Es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn unsere Freunde, unsere Schulkameraden, unsere Kinder, unsere Kollegen nicht mehr mitkommen, wenn sie Wege gehen, die ins Abseits führen, wenn sie aus der Wirklichkeit in die Scheinwelten von Drogen oder elektronischen Spielen flüchten.

Aufeinander achten, das heißt, einander mitnehmen, füreinander da sein.

Alle Menschen sind beeinflussbar – und junge Menschen ganz besonders. Zum Guten wie zum Bösen. Wir sind verführbar. Unser Handeln hat manchmal Ursachen, die wir selber nicht kennen.

Es gibt im menschlichen Handeln aber keinen Automatismus von Ursache und Wirkung. Es gibt eine letzte Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut.

Es stimmt: Welche Ziele und Vorbilder wir angeboten bekommen – davon hängt vieles ab.

Es stimmt aber auch: Welche Ideale wir selber wählen und mit anderen teilen – auch davon hängt vieles ab.

Unsere Kinder und unsere Schüler brauchen eine lebendige Phantasie, die sie zu selbstbestimmten und selbstbewussten Menschen werden lässt. Sie dürfen aber nicht in die Gefangenschaft künstlicher Welten geraten, aus der sie nicht mehr herausfinden.

Die modernen Kommunikationsmedien sind unverzichtbar. Schulen brauchen aber mehr als den Anschluss ans weltweite Netz. Schüler brauchen lebendige, erfahrbare Netze, die sie halten; sie brauchen Netzwerke aus Mitmenschlichkeit und Interesse am anderen.

Unsere Kinder und Schüler müssen sich aneinander messen. Sie müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten. Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd. Immer muss aber klar sein, dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall.

Schulen dürfen nicht zu Orten der Angst werden – weder für Schüler noch für Lehrer. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland für die großartige und engagierte Arbeit, die so viele von ihnen leisten. Manchmal tun sie das unter ganz schwierigen Bedingungen. Sie sorgen dafür, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem man lernen kann, in Achtung voreinander zusammen zu arbeiten und zu leben.

Keiner glaube, wir könnten den Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass allein an die Schulen delegieren. Da sind wir alle gefordert.

Wir dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist.

Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie Konflikte lösen, dass sie Enttäuschungen überwinden können und dass Anstrengungen sich lohnen.

Wer dieses Vertrauen mit auf den Weg bekommen hat, der wird auch als Erwachsener den Mut haben, Schwierigkeiten anzugehen und nach vernünftigen Lösungen zu suchen.

Unser Zusammenleben darf nicht zu einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf werden. Eine menschenfreundliche Gesellschaft lebt von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität mit den Schwachen, von der Aufmerksamkeit füreinander. Zeit füreinander haben: Das gehört zum Kostbarsten, was wir uns schenken können. Nur so schaffen wir eine Gesellschaft, in der wir selber gerne leben. …“

03.05.2002, Erfurt

Quelle:
www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.78601/Rede/dokument.htm

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Entry filed under: Gesellschaft, Schule.

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