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Digitale Schule – Besser lernen mit dem Tablet

Dieser Artikel liefert eine gute Problembeschreibung und Analyse des deutschen Bildungssystems. Allerdings werden die vorhandenen Umsetzungsprobleme nur am Rande thematisiert und die Ausgangsthese nicht in Frage gestellt. Digitales Lernen 4.0 ist nicht per se die Lösung und muss immer auch kritisch betrachtet werden.

Quelle:
http://www.fr-online.de/digital/digitale-schule-besser-lernen-mit-dem-tablet,1472406,34700200.html

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4. September 2016 at 1:19 pm Hinterlasse einen Kommentar

„Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv sich anzustrengen.“ Erich Fromm (1900-1980, Psychoanalytiker)

Menschen brauchen Visionen. Visionen bringen Klarheit und Richtung in das Denken und Handeln. Visionen haben eine kraftvolle positive Herzenergie. Meine Vison ist der radikale Wandel unserer Lernkultur, ein Transformationsprozess unserer Bildungseinrichtungen. Lange schon und immer noch focussieren Bildungsverantwortliche in Deutschland auf die Verbesserung eines veraltetenen auf Wissenvermittlung und Selektion ausgerichteten Bildungssystems. Es ist an der Zeit, neu zu denken.

Um für die komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorausschauende Lösungen zu finden, brauchen junge Menschen Teamkompetenz, Beziehungskompetenz, Handlungskompetenz und die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und disruptiven Veränderungen und Scheitern produktiv umzugehen. Die tradierte Schule bietet dafür nicht den Nährboden. Immer noch sollen dort Schülerinnen und Schüler mit den Denkmustern von gestern auf die Welt von morgen vorbereitet werden.
Die Förderung von Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, Persönlichkeitsstärke, Mut wird vernachlässigt, unser Schulsystem prägt einen Erfüllergeist.
Stattdessen brauchen wir junge Menschen mit Kreativität, Gestaltungs-Lust, Handlungs-Mut. Unternehmensgeist, Risikobereitschaft, Menschen mit Gemeinsinn, die Verantwortung übernehmen, global denken und lokal handeln.

Schulen (In Berlin-Brandenburg: rund 300 Tausend Schülerinnen und Schüler / 30 Tausend Lehrkräfte. In Deutschland: rund 11 Millonen Schülerinnen und Schüler / 800 Tausend Lehrkräfte) sind wirkmächtige Institutionen, die Einstellungen und Haltungen maßgeblich prägen. Haltung und Persönlichkeit sind Grundvoraussetzungen dafür, mit Herzkraft und Mut zu handeln.

Ohne radikales Neudenken wird es uns hier in Deutschland weiterhin an Visionen mangeln. Wir brauchen keine weiteren Reformen, sondern eine Transformation im Bildungssystem. Wir brauchen Mut zu Visionen. Wir müssen aus den Ketten tradierter Denkmuster und institutioneller Schranken ausbrechen. Wir brauchen die Zuversicht und den Willen, Dinge gemeinsam verändern zu können.

Meine Vision ist eine Schule der Potentialentfaltung, ein angstfreier Raum, geprägt von Gemeinschaftssinn, Verantwortungsbewusstsein und Innovationsgeist. Wir müssen unseren Kindern die Chance geben, ihre wunderbaren Potenziale zu entdecken und zu entfalten und Diversity als Schatz zu erleben. Sie haben die Visionen, die unsere Gesellschaft so dringend braucht.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hat viele Schulen inspiriert, ihre Visionen und ihre Freiheit zu nutzen. Vor allem unsere Schülerinnen und Schüler haben durch ihre Begeisterungsfähigkeit und authentische Überzeugungskraft die verschütteten Visionen in den Herzen der Menschen berührt und zum Leben erweckt. 2013 haben wir durch Fortbildungen und Besuche bereits über 18.000 Menschen persönlich erreicht. Gemeinsam mit Prof. Dr. Gerald Hüther, Prof. Dr. Stephan Breidenbach habe ich außerdem im letzten Jahr die Initiative ‚Schule im Aufbruch’ gegründet. Aus dem gemeinsamen Wirken vieler Engagierter sind bereits 20 Regionalgruppen entstanden. Sie wirken alle tatkräftig mit, Schulen zu verändern.

Gesellschaftliche und politische Kraftakte gelingen, wenn die Vision stimmt. Das wusste auch Erich Fromm.

Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum und Mitbegründerin der Initiative Schule im Aufbruch

Quelle:

http://www.bildungsserver.berlin-brandenburg.de/zitat_november_2013.html

30. November 2013 at 3:53 pm Hinterlasse einen Kommentar

Im Netz

Von Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Universität Ulm und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik sowie des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL).

Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der am 22.09.2010 in der FAZ erschienen ist und auch im Berufschul-Insider, Nr. 4/2010, S. 14-16 veröffentlicht wurde.

Digitale Medien wie Computer, Satellitenfernsehen, Spielekonsolen und Smartphones verändern unser Leben. In den Vereinigten Staaten verbringen Jugendliche mittlerweile etwa 7,5 Stunden am Tag mit digitalen Medien – mehr Zeit als mit Schlafen. Hierzulande verschlingt die Beschäftigung mit diesen Medien etwa 5,5 Stunden täglich; das ist mehr als der Unterricht in der Schule, der, auf die ganze Woche bezogen, im Durchschnitt knapp vier Stunden in Anspruch nimmt. Was hat das zu bedeuten? …

Und so schildert ein 17 Jahre alter Jugendlicher in einer amerikanischen Studie über den Medienkonsum seinen Alltag: „Jede Sekunde, die ich online verbringe, bin ich am Multitasken. Jetzt gerade schaue ich fern, checke meine E-Mails alle zwei Minuten, lese Nachrichten darüber, wer Kennedy erschoss, brenne Musik auf eine CD und schreibe diese Nachricht.“ Die Mutter eines 15 Jahre alten Jungen entwirft von der Vorbereitung ihres Sohnes auf eine Klassenarbeit folgendes Bild: „Die Lehrbücher lagen ungeöffnet in seiner Tasche, wohingegen der Laptop auf seinem Schreibtisch immer aufgeklappt war. Auf dem Bildschirm waren irgendwelche Geschichte/Englisch/Physik-Dokumente geöffnet, aber gleichzeitig auch seine Facebook- und iTunes-Seiten. In seinen Ohren spielten die iPod-Ohrhörer einen Podcast, und manchmal, nur um seine Konzentration noch weiter zu unterbrechen, lief auch noch ein Video auf Youtube.“

Für das digitale Zeitalter ist es charakteristisch, dass viele Menschen fast ihre gesamte wache Zeit online verbringen; sie werden also permanent mit neuen Texten und Bildern konfrontiert. Die Auswirkungen dieser digitalen Revolution auf Bildungsprozesse wurden von vielen zunächst ausschließlich positiv beurteilt. Wie vor einem halben Jahrhundert bei der Verbreitung des Fernsehens als Massenkommunikationsmittel hieß es, der ungehinderte Zugang zu Informationsquellen eröffne grenzenlose Bildungschancen für alle – und wurde daher als ungeahnter psychologischer, sozialer und ökonomischer Fortschritt dargestellt.

Im Hinblick auf das Fernsehen weiß man aber längst, dass diese Bildungsrevolution nicht stattgefunden hat. Im Gegenteil: Je höher der Fernsehkonsum, desto geringer die Bildung. Nach allem, was bisher bekannt ist, verhält es sich mit den digitalen Medien ähnlich: Eine besondere Auswertung von Daten der Pisa-Studie hat ergeben, dass ein Computer zu Hause bei 15 Jahre alten Heranwachsenden mit schlechteren Schulleistungen einhergeht. Aus einer anderen Untersuchung geht hervor, dass eine Spielekonsole („Playstation“) schon nach vier Monaten dazu führt, dass die Leistungen in der Schule sinken und die Probleme zunehmen.

Die Auswirkungen der digitalen Revolution lassen sich aber nicht nur mit Erfahrungsberichten und empirischen Studien erfassen. Auch die Gehirnforschung kommt zu Ergebnissen, die Aufmerksamkeit verdienen. Die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurobiologie lautet, dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert. Jedes Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt Spuren, die man seit mehr als einhundert Jahren auch so nennt: Gedächtnisspuren. Bis in die achtziger Jahre hinein nur hypothetische Gebilde, sind sie heute jedoch sichtbar zu machen. Denn Synapsen, also jene Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, über welche die elektrischen Signale laufen, mit denen das Gehirn arbeitet, können mittlerweile fotografiert und sogar gefilmt werden. Man kann zusehen, wie sie sich bei Lernprozessen verändern. Werden funktionelle bildgebende Verfahren eingesetzt, dann lässt sich sogar die Aktivität ganzer Bereiche des Gehirns sichtbar machen. So kann man die neuronalen Auswirkungen von Lernprozessen gleichsam im großen Stil nachweisen.

Wenn nun aber das Gehirn immer lernt – denn eines kann es nicht: nicht lernen -, dann hinterlässt dort auch die mit digitalen Medien verbrachte Zeit ihre Spuren. …
Dabei lassen sich ganz unterschiedliche Mechanismen und Prozesse beschreiben, die kognitive Leistungen wie die Aufmerksamkeit oder die Entwicklung von Sprache und Intelligenz betreffen und sich in der Summe auf die Bildung eines Menschen auswirken. Hinzu kommen die Einflüsse des Medienkonsums auf emotionale und soziale psychische Prozesse bis hin zu ethisch-moralischen Einstellungen und unserer Sicht auf uns selbst, also auf unsere personale Identität.

Bis zu einem Alter von zwei bis drei Jahren können Kinder von Bildschirmen und Lautsprechern nichts lernen, wie entsprechende Studien belegen. In Kalifornien konnten neun bis elf Monate alte Säuglinge chinesische Laute von einer Chinesin lernen, die ihnen vorlas. Wenn sie dieselbe Chinesin auf CD oder Video hörten oder sahen, lernten sie jedoch nichts. Säuglinge brauchen den sozialen Kontakt und eine Stimulation über alle Sinne, was zudem räumlich und zeitlich genau zusammenpassen muss: Genau dann und dort, wo sich zwei Gläser berühren, macht es „ping!“ Wenn das Geräusch auch nur fünf Millisekunden zu früh oder zu spät kommt, kann das Kind beide Sinneseindrücke nicht zusammenbringen und lernt somit nicht, was es heißt, wenn sich zwei Objekte aus Glas berühren. Kleine Kinder lernen – das abgedroschene Wort muss hier genannt werden, weil kein anderes so gut passt – ganzheitlich. …

Das ganzheitliche Lernen ist aber nicht nur für Kinder wichtig. Auch Erwachsene lernen mit Herz, Hirn und Hand. Das sagte im 18. Jahrhundert schon der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi. Die moderne Gehirnforschung kann seine Intuition auf eindrucksvolle Weise belegen. Wenn dieselben, zuvor unbekannten Gegenstände neu zu lernen sind und entweder durch Betrachten und bloßes Zeigen oder durch Betrachten und gleichzeitiges Ausführen einer sinnvollen, zum Gegenstand passenden Bewegung gelernt werden, kann man hinterher viel besser über sie nachdenken, wenn sie auf die zweite Art gelernt wurden.

Etwa ein Drittel unseres Gehirns ist für die Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen zuständig, und genau dieses Drittel wird beim Lernen mit der Hand benutzt. Beim Lernen mit einem Mausklick, einer bloßen Zeigebewegung, bleibt dieses Drittel passiv. Wer sich also die Welt am Bildschirm aneignet, der hat sie sich vergleichsweise oberflächlicher angeeignet und rekrutiert beim Nachdenken über sie deutlich weniger Nervenzellen.

Kleine Kinder können spätestens im Alter von drei Jahren vom Bildschirm lernen. Dieser Befund hat vor allem die Werbewirtschaft auf den Plan gerufen. Experimente mit Kindern im Vorschulalter zeigten, dass diese den Inhalt von Werbespots nach nur wenigen Darbietungen gelernt hatten und das Produkt auswählten. Weil in den Vereinigten Staaten die Kinder im Alter von durchschnittlich neun Monaten beginnen fernzusehen und im Vorschulalter im Durchschnitt 1,5 Stunden am Tag Medien ausgesetzt sind, hat das Trommelfeuer der Werbung unter anderem zur Folge, dass ein Kind beim Eintritt in die Schule mehr als 200 Markennamen kennt. Etwa 65 Prozent der Werbung, die an Kinder gerichtet ist, gelten Nahrungsmitteln, die wiederum zu hundert Prozent ungesund sind. Die Folge ist eine epidemieartige Zunahme von Fettleibigkeit und sogar Altersdiabetes bei Kindern und Jugendlichen. …

Die negativen Auswirkungen der Medien auf den Körper werden nur noch von einem übertroffen: den negativen Effekten auf den Geist, nimmt man die Auswirkungen auf die kognitiven, emotionalen und personalen Prozesse zusammen. Beginnen wir mit der Bildung. Schule wird von Schülern nicht selten als bestenfalls langweilig erlebt. Verglichen mit der Zeit, die nachmittags an Konsolen, Computern und Bildschirmen verbracht wird, ist der Unterricht am Vormittag langweilig. Weil aber Emotionen für Lernprozesse wichtig sind, wird in der Schule nur wenig gelernt. Es kommt hinzu, dass gerade Gelerntes stets verfestigt werden muss, um dauerhaft im Gedächtnis verankert zu sein. Dieser Prozess, Konsolidierung genannt, kann durch Emotionen gestört werden. Wenn also vormittags im Französisch- oder Physikunterricht gelangweilt wenig gelernt worden ist, dann sorgt der Umgang mit der Playstation am Nachmittag dafür, dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängenblieb, regelrecht gelöscht wird.

Die permanente „Online-Existenz“ wirkt sich zusätzlich negativ aus: Zur Konsolidierung des Gelernten braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe. Das kann ein kurzer Mittagsschlaf sein, muss es aber nicht: Dösen, an die Decke starren, die Gedanken einfach treibenlassen und eben nicht Reize von außen verarbeiten – darauf kommt es an. Genau das wird aber durch ein Leben „online“ verhindert. Immer mehr Zeitgenossen sind dauernd mit der ganzen Welt verbunden, aber um den Preis, dass sie sich immer weniger wirklich mit ihr auseinandersetzen, weil sie immer weniger dazu fähig sind.

Ein besonders eindringliches Beispiel für die Art und Weise, wie einem die Welt abhandenkommen kann, ist das sogenannte mediale Multitasken. Dieses gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben und das oft damit verbundene gleichzeitige Benutzen mehrerer Medien spielt im Leben vieler junger Menschen eine wichtige Rolle. Nur wenige, etwa fünfzehn Prozent, betreiben so gut wie kein Multitasking. Die tägliche Medienkonsumzeit der häufigen Multitasker beträgt indes 12,5 Stunden, und das hineingepackt in acht bis neun Zeitstunden. Denkt diese Generation der Medienmultitasker tatsächlich anders, schneller und effektiver, wie manche Medienpädagogen behaupten?

Da jede geistige Aktivität im Gehirn Spuren hinterlässt, die seine zukünftige Funktion beeinflussen, muss angenommen werden, dass Multitasking tatsächlich das Denken verändert. Diese Änderungen könnten positiv sein: Man wächst schließlich mit den Aufgaben. Der Einfluss könnte aber auch negativ sein, denn „zwei Dinge gleichzeitig tun bedeutet, beide nicht zu tun“, wie es in den Sentenzen des römischen Sklaven Publilius Syrus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus heißt. Was trifft nun zu?

Um diese Frage zu klären, führten Wissenschaftler von der Universität Stanford mit zwei Gruppen von Versuchspersonen Tests durch: 19 heftigen Medienmultitaskern und 22 Nicht-Medienmultitaskern. Mit einer „Filteraufgabe“, bei der unterschiedliche ablenkende Reize auszublenden waren, wurde die Fähigkeit der Versuchspersonen getestet, unwichtige Reize nicht zu beachten. Zwischen beiden Gruppen zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die Nicht-Multitasker konnten die Aufgabe gut lösen, unabhängig davon, wie viele zusätzliche Reize vorhanden waren. Bei den Multitaskern hingegen ging die Leistung mit der zunehmenden Anzahl ablenkender Reize zurück. Weitere Aufgaben zeigten, dass auch innere Reize, etwa Gedanken, die für die Aufgabe unwichtig waren, von den Multitaskern schlechter ausgeblendet werden konnten. Und zu guter Letzt ließ sich nachweisen, dass es Multitaskern sogar viel schwerer fiel als Nicht-Multitaskern, zwischen zwei Aufgaben zu wechseln.

Diese Versuche zeigen, dass Menschen, die häufig mehrere Medien gleichzeitig benutzen, Probleme mit der Kontrolle ihres Denkens haben: Sie können unwichtige äußere Reize schlechter ausblenden und auch Unwichtiges in ihrem Gedächtnis schlechter ausblenden. Besonders bedeutsam ist, dass Multitasker keineswegs besser zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln können. Im Gegenteil, sie können es weniger gut. Mit anderen Worten: Wer noch nicht unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, der kann sie sich durch häufiges Multitasking antrainieren.

Mediales Multitasking ist daher nichts, wozu man die nächste Generation ermuntern oder was man gar durch Bildungsreformen fördern sollte. … Tatsächlich zeigen die angeführten Beispiele jedoch, dass die Gehirnforschung wesentlich zum Verständnis der Folgen der „Digitalisierung“ für die Lebenswelt beitragen kann. …

Werden Referate in Schulen mittels Powerpoint gehalten, sind sie nicht automatisch besser. Es besteht vielmehr das Risiko, dass Inhalte gar nicht mehr wirklich geistig bearbeitet werden. Wenn Texte nicht mehr gelesen, sondern „oberflächlich abgeschöpft“ (geskimmt) werden, wenn „auf Wellen geritten“ (gesurft) wird, anstatt Gedanken und Ideen in Büchern und Bibliotheken aufzusuchen, wenn das Aufschreiben eines Gedankens durch „Kopieren“ (copy) und „Einfügen“ (paste) per Mausklick ersetzt wird, dann wird dadurch niemand intelligenter. Dasselbe gilt für das sogenannte E-Learning. Man hat vielmehr einsehen müssen, dass es schlechterdings nicht funktioniert. Das wird jedoch nicht etwa zähneknirschend eingestanden, sondern rasch das Zeitalter des „blended learning“ ausgerufen. „To blend“ heißt „mischen“; und dem Lernen hinzuzumischen sei also, damit es wirklich funktioniere, der Lehrer. Die sprachliche Arroganz, mit der hier unabdingbare Faktoren wie menschliche Zuwendung und gegenseitige Wertschätzung durch die Hintertür in den Lernprozess wiedereingeführt werden, ist kaum zu überbieten.

Jugendliche haben zunehmend Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, etwas zu lesen und zu verstehen oder gar einen zusammenhängenden Text zu Papier zu bringen. Ihre Fähigkeit zur Konzentration und zur Versprachlichung von Gedanken hat ebenso abgenommen wie ihre soziale Kompetenz. …

„Macht Google uns dumm?“ – So lautet der Titel eines 2008 publizierten und mittlerweile in Buchform vorliegenden Klassikers unter den medienkritischen Essays. Die Gehirnforschung kann zeigen, dass nicht etwa Google allein und nicht nur die Dummheit ein Grund zur Beunruhigung sind. Denn weil sich Gehirne mit der Benutzung ändern, kann die tägliche Nutzung digitaler Medien mit Sicherheit eines nicht haben: keinerlei Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Wenn man sich Mühe gäbe, gute Lernsoftware zu programmieren und an die Schulen zu bringen, wenn man sich darüber klar würde, dass mediale Gewalt zu mehr Gewalt in der realen Welt führt (der Zusammenhang ist etwa so stark wie der zwischen Rauchen und Lungenkrebs), wenn man die Dosis (die wie immer das Gift macht) beschränken würde – auf null für Kinder bis drei Jahre, auf höchstens eine Stunde am Tag für Schüler der Sekundarstufe II) – und wenn Medien niemals dazu verwendet würden, den Kontakt junger Menschen mit Erwachsenen oder anderen Kindern und Jugendlichen zu ersetzen, dann könnten digitale Medien durchaus ein Segen für die Gesellschaft sein. Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, ist Vorsicht geboten. Wer etwas anderes behauptet, der trägt die Beweislast.

In Kalifornien konnten neun bis elf Monate alte Säuglinge chinesische Laute von einer Chinesin lernen, die ihnen vorlas. Wenn sie dieselbe Chinesin auf CD oder Video hörten oder sahen, lernten sie nichts.

Wenn vormittags im Französisch- oder Physikunterricht gelangweilt wenig gelernt worden ist, dann sorgt der Umgang mit der Playstation am Nachmittag dafür, dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängenblieb, regelrecht gelöscht wird.

Weil sich unser Gehirn mit dem Gebrauch ständig verändert, kann die tägliche Nutzung digitaler Medien gerade eines nicht haben: keinerlei Auswirkung auf Kinder und Jugendliche.

7. Februar 2011 at 5:15 pm Hinterlasse einen Kommentar

Erziehung zur Demokratie – schulischer Bildungsauftrag

Der Leitartikel von Frau Irle beschreibt den Bildungs- und Erziehungsstreit, hat aber indirekt auch die schulische Bildungs- und Erziehungsarbeit angesprochen. Wie sollen Schulen eine Erziehung zur Demokratie leisten, wenn gerade der Politikunterricht in neuen Lehrplänen reduziert wird und auch in der Praxis viele Politikstunden z.B. wegen Lehrermangel nicht mehr gehalten werden oder zu Gunsten von anderen Fächer gestrichen werden. Hinzu kommt, dass dieses wichtige Fach häufig von Quereinsteigern oder fachfremden Lehrkräften nebenbei unterrichtet wird, die meist nicht über die notwendige fachdidaktische oder universitäre Ausbildung verfügen. Wenn junge Menschen so gebildet unsere Schulen verlassen, dann braucht man sich über die Ümstande auf der Gorch Fock auch nicht mehr zu wundern.

Insofern beschreibt Frau Ilre in ihrer Analyse einen wunden Punkt unserer Gesellschaft, der für sich genommen nicht nachvollziehbar ist und Kopf schütteln verursacht, aber wiederum deutlich macht, wie scheinbar kleine Veränderungen an einer Stelle in unserer Bildungsgesellschaft sich plötzlich an ganz anderer Stelle negativ auswirken können und jeder sich fragt, wie konnte so etwas passieren.

Leitartikel von Frau Irle in der Frankfurter Rundschau vom 26.01.2011
Link:
http://www.fr-online.de/politik/meinung/kuscheln-oder-kuschen/-/1472602/7125276/-/index.html

31. Januar 2011 at 1:55 pm 1 Kommentar

Verpflichtung gegenüber Lernenden

„Im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention hat sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, Kinder und Jugendliche vor allen Formen sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs zu schützen. Kinder dürfen nicht zur Beteiligung an rechtswidrigen sexuellen Handlungen verleitet oder gezwungen und für pornografische Darbietungen und Darstellungen ausgebeutet werden.“
Diese Position wird mit dem Verweis auf die Erklärung der Bildungsinternationale zum Berufsethos unterstützt.

Auszug aus der Erklärung der Bildungsinternationale zum Berufsethos
Im Bildungswesen Beschäftigte:

  • respektieren die in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegten Standards. Sie fördern deren Umsetzung für alle Kinder und respektieren ihre Inanspruchnahme, insbesondere im Kontext des Rechtes auf Bildung;
  • geben jedem Schüler/jeder Schülerin mit Blick auf deren Einzigartigkeit, Individualität und spezifischen Bedürfnisse Anleitung und Ermutigung zur Wahrnehmung ihres vollen Potenzials;
  • vermitteln den Schüler/innen und Studierenden das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, welche von gegenseitigem Respekt geprägt ist und welche zugleich jedem Einzelnen genug Raum lässt;
  • pflegen ihren Schüler/innen und Studierenden gegenüber einen Umgang auf der Ebene professioneller Beziehungen;
  • setzen sich für die Interessen und das Wohlergehen ihrer Schüler/innen und Studierenden ein und bemühen sich nach Kräften, sie vor Drangsalierungen und physischem oder psychischem Missbrauch zu schützen;
  • unternehmen alles, um ihre Schüler/innen und Studierenden vor sexuellem Missbrauch zu schützen;
  • gehen in allen Angelegenheiten, die das Wohlergehen ihrer Schüler/innen und Studierenden betreffen, mit der notwendigen Fürsorglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Vertraulichkeit vor;
  • helfen den Schüler/innen und Studierenden, Werte zu entwickeln, die den Maßstäben der internationalen Menschenrechte entsprechen;
  • setzen ihre Autorität auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Mitgefühl ein;
  • sorgen dafür, dass die privilegierte Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler/innen bzw. Studierenden auf keine Weise ausgenutzt wird, auch nicht zur religiös-spirituellen oder ideologischen Beeinflussung oder Kontrolle.

Quelle:
http://www.gew.de/Gewerkschaftliche_Perspektive_GEW-Positionen.html

3. August 2010 at 11:11 am Hinterlasse einen Kommentar

Rede von Bundespräsident Johannes Rau

zum Gedenken an die Opfer des Mordanschlages vor dem Dom zu Erfurt, die noch immer eine hohe aktuelle Bedeutung hat (Auszüge).

„…. Wenn unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, wenn unsere Familien, unsere kleinen Gemeinschaften, unsere Schulen, unsere Betriebe, unsere Vereine zusammenhalten sollen, dann müssen wir uns umeinander kümmern.

Wir brauchen zweierlei: Wir müssen einander achten und wir müssen aufeinander achten.

Wir müssen einander achten: Niemand darf abgedrängt werden, niemand darf an einen Punkt kommen, an dem er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann, weil er „nichts bringt“, wie man so sagt. Kein Mensch kann leben ohne Zuwendung, ohne Geborgenheit, ohne Liebe. Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann.

Wir müssen aber auch aufeinander achten: Es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn unsere Freunde, unsere Schulkameraden, unsere Kinder, unsere Kollegen nicht mehr mitkommen, wenn sie Wege gehen, die ins Abseits führen, wenn sie aus der Wirklichkeit in die Scheinwelten von Drogen oder elektronischen Spielen flüchten.

Aufeinander achten, das heißt, einander mitnehmen, füreinander da sein.

Alle Menschen sind beeinflussbar – und junge Menschen ganz besonders. Zum Guten wie zum Bösen. Wir sind verführbar. Unser Handeln hat manchmal Ursachen, die wir selber nicht kennen.

Es gibt im menschlichen Handeln aber keinen Automatismus von Ursache und Wirkung. Es gibt eine letzte Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut.

Es stimmt: Welche Ziele und Vorbilder wir angeboten bekommen – davon hängt vieles ab.

Es stimmt aber auch: Welche Ideale wir selber wählen und mit anderen teilen – auch davon hängt vieles ab.

Unsere Kinder und unsere Schüler brauchen eine lebendige Phantasie, die sie zu selbstbestimmten und selbstbewussten Menschen werden lässt. Sie dürfen aber nicht in die Gefangenschaft künstlicher Welten geraten, aus der sie nicht mehr herausfinden.

Die modernen Kommunikationsmedien sind unverzichtbar. Schulen brauchen aber mehr als den Anschluss ans weltweite Netz. Schüler brauchen lebendige, erfahrbare Netze, die sie halten; sie brauchen Netzwerke aus Mitmenschlichkeit und Interesse am anderen.

Unsere Kinder und Schüler müssen sich aneinander messen. Sie müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten. Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd. Immer muss aber klar sein, dass die Beurteilung einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein Mensch ist ein hoffnungsloser Fall.

Schulen dürfen nicht zu Orten der Angst werden – weder für Schüler noch für Lehrer. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland für die großartige und engagierte Arbeit, die so viele von ihnen leisten. Manchmal tun sie das unter ganz schwierigen Bedingungen. Sie sorgen dafür, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem man lernen kann, in Achtung voreinander zusammen zu arbeiten und zu leben.

Keiner glaube, wir könnten den Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass allein an die Schulen delegieren. Da sind wir alle gefordert.

Wir dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist.

Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie Konflikte lösen, dass sie Enttäuschungen überwinden können und dass Anstrengungen sich lohnen.

Wer dieses Vertrauen mit auf den Weg bekommen hat, der wird auch als Erwachsener den Mut haben, Schwierigkeiten anzugehen und nach vernünftigen Lösungen zu suchen.

Unser Zusammenleben darf nicht zu einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf werden. Eine menschenfreundliche Gesellschaft lebt von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität mit den Schwachen, von der Aufmerksamkeit füreinander. Zeit füreinander haben: Das gehört zum Kostbarsten, was wir uns schenken können. Nur so schaffen wir eine Gesellschaft, in der wir selber gerne leben. …“

03.05.2002, Erfurt

Quelle:
www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.78601/Rede/dokument.htm

26. Juli 2010 at 12:34 pm Hinterlasse einen Kommentar

Was macht Jungs zu Massenmördern?

Böse Jungs und fertig? – von Yvonne Globert

„Ich wollte unbedingt jemanden umbringen. Ich wollte zu den Leuten gehen und sagen: Ich erschieß jemanden für euch für ´ne Packung Zigaretten.“ Roger hat es nicht getan. Zwei Männer hielten ihn auf, als er sich wütend auf seine Mutter stürzte. Roger kam nicht mehr dazu, sich wie geplant eine Automatikwaffe zuzulegen und erst seine Mitschüler und dann sich selbst zu erschießen. Roger landete in der psychiatrischen Klinik und wurde Patient des US-amerikanischen Psychologen Peter Langmann

Keine simplen Erklärungen
Roger, schreibt Langman in seinem gerade auf dem deutschen Markt erschienen Buch „Amok im Kopf“, habe seiner Umwelt mit den „kaltblütigsten Aussagen, die ich je von einem Patienten gehört habe“, „einfach nur Angst“ gemacht. Töten aus Langeweile, mal eben so. So einer hätte der Jugendliche werden können. Lassen sich also Roger und mit ihm all jene Amokläufer, die tatsächlich Mitschüler und Lehrer ermordeten, als adoleszente Monster abtun, böse Jungs und fertig?

Falsch. Langman hat vielmehr ein längst überfälliges Pamphlet geschrieben gegen jede Form von Vereinfachung, in die junge Amokläufer gepresst werden, seit dem ersten großen Massaker an der Columbine High School.

Langman liefert dem Leser keine schlichte Gleichung, an deren Ende ein Amokläufer steht. Stattdessen hat er sämtliche Polizeiberichte, medizinische Dokumente und private Aufzeichnungen gelesen, die um zehn jugendliche Amokläufer existieren. Mit dem Blick eines erfahrenen Psychologen hat er sie auf Charakteristika analysiert und auf Gemeinsamkeiten abgeklopft.

Langman unterscheidet vor allem drei Kerntätertypen: Etwa den psychotischen Täter, der sich abnorm fühlt, unter einem geringen Selbstwertgefühl leidet, voller Neid die Erfolge seiner Mitmenschen verfolgt und nicht selten paranoid ist. Langman hebt auch traumatisierte Amokläufer hervor, die sich etwa durch Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit ein Leben lang bedroht fühlen und extrem wachsam auf ihre Umwelt reagieren. Und dann gibt es ihn, den psychopathischen Täter, in dessen Profil auch Roger gepasst hätte. In diese Gruppe fallen junge Mörder, die extrem narzisstisch sind, sich überlegen fühlen, keinerlei Empathie empfinden, dafür Freude am Schmerz anderer. Geht es nicht nach ihren Wünschen, können sie ihre Aggression kaum im Zaum halten. Dennoch gelingt es ihnen, ihre Umwelt perfekt zu täuschen; Täter, die in diese Kategorie fielen, planten Amokläufe, während sie weiter brav zur Schule gingen. Gründe für ihren Hass auf die Welt können früh erfahrene Minderwertigkeitskomplexe sein, die sie mit Machtphantasien kompensieren.

Was Langman insgesamt immer wieder verdeutlicht: Es sind nicht die vielzitierten Mobbing-Erfahrungen in der Schule oder die Waffenlager im elterlichen Schlafzimmer, die die Bombe im Kopf zünden. Auch nicht die eigene Isolation oder die Existenz von Gewaltvideos. Unzählige Jugendliche müssten nach dieser Rechnung durchdrehen, so Langman, tun es aber nicht. Zuweilen waren es die Täter selbst, die andere schikanierten. Und nicht wenige hatten viele Freunde. Vor allem aber hatten alle eine extreme Wut in sich. Alle Jungs.

Langman spricht nur von einem einzigen Mädchen, das als potenzielle Amokläuferin infrage kam. Auch junge Frauen, so sein Fazit, können durchdrehen, tun es aber tatsächlich seltener. Bei den Jungs fällt auf, wie häufig ihnen offenbar Scham, Neid und das Gefühl, als Mann zu scheitern, zu schaffen machten.

Langmans wichtigste Forderung, um einen Amoklauf zu verhindern, lautet daher: Das Schweigen brechen. Das der Täter, aber auch der Eltern, denen das eigene Kind seltsam erscheint. Das der Freunde, die eine Drohung mitbekommen aber nicht petzen wollen. Der Lehrer, die verstörende Aufsätze lesen. Eine einfache Lösung hat der Autor auch hier nicht parat.

Peter Langmann: Amok im Kopf. Warum Schüler töten. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2009, 19,95 Euro.

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Copyright © FR-online.de 2009
Dokument erstellt am 01.10.2009 um 16:43:05 Uhr
Letzte Änderung am 02.10.2009 um 09:37:31 Uhr
Erscheinungsdatum 02.10.2009 | Ausgabe: d

URL:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=1986004&em_loc=1739

2. Oktober 2009 at 1:12 pm Hinterlasse einen Kommentar


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