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„Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv sich anzustrengen.“ Erich Fromm (1900-1980, Psychoanalytiker)

Menschen brauchen Visionen. Visionen bringen Klarheit und Richtung in das Denken und Handeln. Visionen haben eine kraftvolle positive Herzenergie. Meine Vison ist der radikale Wandel unserer Lernkultur, ein Transformationsprozess unserer Bildungseinrichtungen. Lange schon und immer noch focussieren Bildungsverantwortliche in Deutschland auf die Verbesserung eines veraltetenen auf Wissenvermittlung und Selektion ausgerichteten Bildungssystems. Es ist an der Zeit, neu zu denken.

Um für die komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorausschauende Lösungen zu finden, brauchen junge Menschen Teamkompetenz, Beziehungskompetenz, Handlungskompetenz und die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und disruptiven Veränderungen und Scheitern produktiv umzugehen. Die tradierte Schule bietet dafür nicht den Nährboden. Immer noch sollen dort Schülerinnen und Schüler mit den Denkmustern von gestern auf die Welt von morgen vorbereitet werden.
Die Förderung von Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, Persönlichkeitsstärke, Mut wird vernachlässigt, unser Schulsystem prägt einen Erfüllergeist.
Stattdessen brauchen wir junge Menschen mit Kreativität, Gestaltungs-Lust, Handlungs-Mut. Unternehmensgeist, Risikobereitschaft, Menschen mit Gemeinsinn, die Verantwortung übernehmen, global denken und lokal handeln.

Schulen (In Berlin-Brandenburg: rund 300 Tausend Schülerinnen und Schüler / 30 Tausend Lehrkräfte. In Deutschland: rund 11 Millonen Schülerinnen und Schüler / 800 Tausend Lehrkräfte) sind wirkmächtige Institutionen, die Einstellungen und Haltungen maßgeblich prägen. Haltung und Persönlichkeit sind Grundvoraussetzungen dafür, mit Herzkraft und Mut zu handeln.

Ohne radikales Neudenken wird es uns hier in Deutschland weiterhin an Visionen mangeln. Wir brauchen keine weiteren Reformen, sondern eine Transformation im Bildungssystem. Wir brauchen Mut zu Visionen. Wir müssen aus den Ketten tradierter Denkmuster und institutioneller Schranken ausbrechen. Wir brauchen die Zuversicht und den Willen, Dinge gemeinsam verändern zu können.

Meine Vision ist eine Schule der Potentialentfaltung, ein angstfreier Raum, geprägt von Gemeinschaftssinn, Verantwortungsbewusstsein und Innovationsgeist. Wir müssen unseren Kindern die Chance geben, ihre wunderbaren Potenziale zu entdecken und zu entfalten und Diversity als Schatz zu erleben. Sie haben die Visionen, die unsere Gesellschaft so dringend braucht.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hat viele Schulen inspiriert, ihre Visionen und ihre Freiheit zu nutzen. Vor allem unsere Schülerinnen und Schüler haben durch ihre Begeisterungsfähigkeit und authentische Überzeugungskraft die verschütteten Visionen in den Herzen der Menschen berührt und zum Leben erweckt. 2013 haben wir durch Fortbildungen und Besuche bereits über 18.000 Menschen persönlich erreicht. Gemeinsam mit Prof. Dr. Gerald Hüther, Prof. Dr. Stephan Breidenbach habe ich außerdem im letzten Jahr die Initiative ‚Schule im Aufbruch’ gegründet. Aus dem gemeinsamen Wirken vieler Engagierter sind bereits 20 Regionalgruppen entstanden. Sie wirken alle tatkräftig mit, Schulen zu verändern.

Gesellschaftliche und politische Kraftakte gelingen, wenn die Vision stimmt. Das wusste auch Erich Fromm.

Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum und Mitbegründerin der Initiative Schule im Aufbruch

Quelle:

http://www.bildungsserver.berlin-brandenburg.de/zitat_november_2013.html

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30. November 2013 at 3:53 pm Hinterlasse einen Kommentar

Im Netz

Von Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Universität Ulm und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik sowie des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL).

Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Artikels, der am 22.09.2010 in der FAZ erschienen ist und auch im Berufschul-Insider, Nr. 4/2010, S. 14-16 veröffentlicht wurde.

Digitale Medien wie Computer, Satellitenfernsehen, Spielekonsolen und Smartphones verändern unser Leben. In den Vereinigten Staaten verbringen Jugendliche mittlerweile etwa 7,5 Stunden am Tag mit digitalen Medien – mehr Zeit als mit Schlafen. Hierzulande verschlingt die Beschäftigung mit diesen Medien etwa 5,5 Stunden täglich; das ist mehr als der Unterricht in der Schule, der, auf die ganze Woche bezogen, im Durchschnitt knapp vier Stunden in Anspruch nimmt. Was hat das zu bedeuten? …

Und so schildert ein 17 Jahre alter Jugendlicher in einer amerikanischen Studie über den Medienkonsum seinen Alltag: „Jede Sekunde, die ich online verbringe, bin ich am Multitasken. Jetzt gerade schaue ich fern, checke meine E-Mails alle zwei Minuten, lese Nachrichten darüber, wer Kennedy erschoss, brenne Musik auf eine CD und schreibe diese Nachricht.“ Die Mutter eines 15 Jahre alten Jungen entwirft von der Vorbereitung ihres Sohnes auf eine Klassenarbeit folgendes Bild: „Die Lehrbücher lagen ungeöffnet in seiner Tasche, wohingegen der Laptop auf seinem Schreibtisch immer aufgeklappt war. Auf dem Bildschirm waren irgendwelche Geschichte/Englisch/Physik-Dokumente geöffnet, aber gleichzeitig auch seine Facebook- und iTunes-Seiten. In seinen Ohren spielten die iPod-Ohrhörer einen Podcast, und manchmal, nur um seine Konzentration noch weiter zu unterbrechen, lief auch noch ein Video auf Youtube.“

Für das digitale Zeitalter ist es charakteristisch, dass viele Menschen fast ihre gesamte wache Zeit online verbringen; sie werden also permanent mit neuen Texten und Bildern konfrontiert. Die Auswirkungen dieser digitalen Revolution auf Bildungsprozesse wurden von vielen zunächst ausschließlich positiv beurteilt. Wie vor einem halben Jahrhundert bei der Verbreitung des Fernsehens als Massenkommunikationsmittel hieß es, der ungehinderte Zugang zu Informationsquellen eröffne grenzenlose Bildungschancen für alle – und wurde daher als ungeahnter psychologischer, sozialer und ökonomischer Fortschritt dargestellt.

Im Hinblick auf das Fernsehen weiß man aber längst, dass diese Bildungsrevolution nicht stattgefunden hat. Im Gegenteil: Je höher der Fernsehkonsum, desto geringer die Bildung. Nach allem, was bisher bekannt ist, verhält es sich mit den digitalen Medien ähnlich: Eine besondere Auswertung von Daten der Pisa-Studie hat ergeben, dass ein Computer zu Hause bei 15 Jahre alten Heranwachsenden mit schlechteren Schulleistungen einhergeht. Aus einer anderen Untersuchung geht hervor, dass eine Spielekonsole („Playstation“) schon nach vier Monaten dazu führt, dass die Leistungen in der Schule sinken und die Probleme zunehmen.

Die Auswirkungen der digitalen Revolution lassen sich aber nicht nur mit Erfahrungsberichten und empirischen Studien erfassen. Auch die Gehirnforschung kommt zu Ergebnissen, die Aufmerksamkeit verdienen. Die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurobiologie lautet, dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert. Jedes Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt Spuren, die man seit mehr als einhundert Jahren auch so nennt: Gedächtnisspuren. Bis in die achtziger Jahre hinein nur hypothetische Gebilde, sind sie heute jedoch sichtbar zu machen. Denn Synapsen, also jene Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, über welche die elektrischen Signale laufen, mit denen das Gehirn arbeitet, können mittlerweile fotografiert und sogar gefilmt werden. Man kann zusehen, wie sie sich bei Lernprozessen verändern. Werden funktionelle bildgebende Verfahren eingesetzt, dann lässt sich sogar die Aktivität ganzer Bereiche des Gehirns sichtbar machen. So kann man die neuronalen Auswirkungen von Lernprozessen gleichsam im großen Stil nachweisen.

Wenn nun aber das Gehirn immer lernt – denn eines kann es nicht: nicht lernen -, dann hinterlässt dort auch die mit digitalen Medien verbrachte Zeit ihre Spuren. …
Dabei lassen sich ganz unterschiedliche Mechanismen und Prozesse beschreiben, die kognitive Leistungen wie die Aufmerksamkeit oder die Entwicklung von Sprache und Intelligenz betreffen und sich in der Summe auf die Bildung eines Menschen auswirken. Hinzu kommen die Einflüsse des Medienkonsums auf emotionale und soziale psychische Prozesse bis hin zu ethisch-moralischen Einstellungen und unserer Sicht auf uns selbst, also auf unsere personale Identität.

Bis zu einem Alter von zwei bis drei Jahren können Kinder von Bildschirmen und Lautsprechern nichts lernen, wie entsprechende Studien belegen. In Kalifornien konnten neun bis elf Monate alte Säuglinge chinesische Laute von einer Chinesin lernen, die ihnen vorlas. Wenn sie dieselbe Chinesin auf CD oder Video hörten oder sahen, lernten sie jedoch nichts. Säuglinge brauchen den sozialen Kontakt und eine Stimulation über alle Sinne, was zudem räumlich und zeitlich genau zusammenpassen muss: Genau dann und dort, wo sich zwei Gläser berühren, macht es „ping!“ Wenn das Geräusch auch nur fünf Millisekunden zu früh oder zu spät kommt, kann das Kind beide Sinneseindrücke nicht zusammenbringen und lernt somit nicht, was es heißt, wenn sich zwei Objekte aus Glas berühren. Kleine Kinder lernen – das abgedroschene Wort muss hier genannt werden, weil kein anderes so gut passt – ganzheitlich. …

Das ganzheitliche Lernen ist aber nicht nur für Kinder wichtig. Auch Erwachsene lernen mit Herz, Hirn und Hand. Das sagte im 18. Jahrhundert schon der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi. Die moderne Gehirnforschung kann seine Intuition auf eindrucksvolle Weise belegen. Wenn dieselben, zuvor unbekannten Gegenstände neu zu lernen sind und entweder durch Betrachten und bloßes Zeigen oder durch Betrachten und gleichzeitiges Ausführen einer sinnvollen, zum Gegenstand passenden Bewegung gelernt werden, kann man hinterher viel besser über sie nachdenken, wenn sie auf die zweite Art gelernt wurden.

Etwa ein Drittel unseres Gehirns ist für die Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen zuständig, und genau dieses Drittel wird beim Lernen mit der Hand benutzt. Beim Lernen mit einem Mausklick, einer bloßen Zeigebewegung, bleibt dieses Drittel passiv. Wer sich also die Welt am Bildschirm aneignet, der hat sie sich vergleichsweise oberflächlicher angeeignet und rekrutiert beim Nachdenken über sie deutlich weniger Nervenzellen.

Kleine Kinder können spätestens im Alter von drei Jahren vom Bildschirm lernen. Dieser Befund hat vor allem die Werbewirtschaft auf den Plan gerufen. Experimente mit Kindern im Vorschulalter zeigten, dass diese den Inhalt von Werbespots nach nur wenigen Darbietungen gelernt hatten und das Produkt auswählten. Weil in den Vereinigten Staaten die Kinder im Alter von durchschnittlich neun Monaten beginnen fernzusehen und im Vorschulalter im Durchschnitt 1,5 Stunden am Tag Medien ausgesetzt sind, hat das Trommelfeuer der Werbung unter anderem zur Folge, dass ein Kind beim Eintritt in die Schule mehr als 200 Markennamen kennt. Etwa 65 Prozent der Werbung, die an Kinder gerichtet ist, gelten Nahrungsmitteln, die wiederum zu hundert Prozent ungesund sind. Die Folge ist eine epidemieartige Zunahme von Fettleibigkeit und sogar Altersdiabetes bei Kindern und Jugendlichen. …

Die negativen Auswirkungen der Medien auf den Körper werden nur noch von einem übertroffen: den negativen Effekten auf den Geist, nimmt man die Auswirkungen auf die kognitiven, emotionalen und personalen Prozesse zusammen. Beginnen wir mit der Bildung. Schule wird von Schülern nicht selten als bestenfalls langweilig erlebt. Verglichen mit der Zeit, die nachmittags an Konsolen, Computern und Bildschirmen verbracht wird, ist der Unterricht am Vormittag langweilig. Weil aber Emotionen für Lernprozesse wichtig sind, wird in der Schule nur wenig gelernt. Es kommt hinzu, dass gerade Gelerntes stets verfestigt werden muss, um dauerhaft im Gedächtnis verankert zu sein. Dieser Prozess, Konsolidierung genannt, kann durch Emotionen gestört werden. Wenn also vormittags im Französisch- oder Physikunterricht gelangweilt wenig gelernt worden ist, dann sorgt der Umgang mit der Playstation am Nachmittag dafür, dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängenblieb, regelrecht gelöscht wird.

Die permanente „Online-Existenz“ wirkt sich zusätzlich negativ aus: Zur Konsolidierung des Gelernten braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe. Das kann ein kurzer Mittagsschlaf sein, muss es aber nicht: Dösen, an die Decke starren, die Gedanken einfach treibenlassen und eben nicht Reize von außen verarbeiten – darauf kommt es an. Genau das wird aber durch ein Leben „online“ verhindert. Immer mehr Zeitgenossen sind dauernd mit der ganzen Welt verbunden, aber um den Preis, dass sie sich immer weniger wirklich mit ihr auseinandersetzen, weil sie immer weniger dazu fähig sind.

Ein besonders eindringliches Beispiel für die Art und Weise, wie einem die Welt abhandenkommen kann, ist das sogenannte mediale Multitasken. Dieses gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben und das oft damit verbundene gleichzeitige Benutzen mehrerer Medien spielt im Leben vieler junger Menschen eine wichtige Rolle. Nur wenige, etwa fünfzehn Prozent, betreiben so gut wie kein Multitasking. Die tägliche Medienkonsumzeit der häufigen Multitasker beträgt indes 12,5 Stunden, und das hineingepackt in acht bis neun Zeitstunden. Denkt diese Generation der Medienmultitasker tatsächlich anders, schneller und effektiver, wie manche Medienpädagogen behaupten?

Da jede geistige Aktivität im Gehirn Spuren hinterlässt, die seine zukünftige Funktion beeinflussen, muss angenommen werden, dass Multitasking tatsächlich das Denken verändert. Diese Änderungen könnten positiv sein: Man wächst schließlich mit den Aufgaben. Der Einfluss könnte aber auch negativ sein, denn „zwei Dinge gleichzeitig tun bedeutet, beide nicht zu tun“, wie es in den Sentenzen des römischen Sklaven Publilius Syrus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus heißt. Was trifft nun zu?

Um diese Frage zu klären, führten Wissenschaftler von der Universität Stanford mit zwei Gruppen von Versuchspersonen Tests durch: 19 heftigen Medienmultitaskern und 22 Nicht-Medienmultitaskern. Mit einer „Filteraufgabe“, bei der unterschiedliche ablenkende Reize auszublenden waren, wurde die Fähigkeit der Versuchspersonen getestet, unwichtige Reize nicht zu beachten. Zwischen beiden Gruppen zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die Nicht-Multitasker konnten die Aufgabe gut lösen, unabhängig davon, wie viele zusätzliche Reize vorhanden waren. Bei den Multitaskern hingegen ging die Leistung mit der zunehmenden Anzahl ablenkender Reize zurück. Weitere Aufgaben zeigten, dass auch innere Reize, etwa Gedanken, die für die Aufgabe unwichtig waren, von den Multitaskern schlechter ausgeblendet werden konnten. Und zu guter Letzt ließ sich nachweisen, dass es Multitaskern sogar viel schwerer fiel als Nicht-Multitaskern, zwischen zwei Aufgaben zu wechseln.

Diese Versuche zeigen, dass Menschen, die häufig mehrere Medien gleichzeitig benutzen, Probleme mit der Kontrolle ihres Denkens haben: Sie können unwichtige äußere Reize schlechter ausblenden und auch Unwichtiges in ihrem Gedächtnis schlechter ausblenden. Besonders bedeutsam ist, dass Multitasker keineswegs besser zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln können. Im Gegenteil, sie können es weniger gut. Mit anderen Worten: Wer noch nicht unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, der kann sie sich durch häufiges Multitasking antrainieren.

Mediales Multitasking ist daher nichts, wozu man die nächste Generation ermuntern oder was man gar durch Bildungsreformen fördern sollte. … Tatsächlich zeigen die angeführten Beispiele jedoch, dass die Gehirnforschung wesentlich zum Verständnis der Folgen der „Digitalisierung“ für die Lebenswelt beitragen kann. …

Werden Referate in Schulen mittels Powerpoint gehalten, sind sie nicht automatisch besser. Es besteht vielmehr das Risiko, dass Inhalte gar nicht mehr wirklich geistig bearbeitet werden. Wenn Texte nicht mehr gelesen, sondern „oberflächlich abgeschöpft“ (geskimmt) werden, wenn „auf Wellen geritten“ (gesurft) wird, anstatt Gedanken und Ideen in Büchern und Bibliotheken aufzusuchen, wenn das Aufschreiben eines Gedankens durch „Kopieren“ (copy) und „Einfügen“ (paste) per Mausklick ersetzt wird, dann wird dadurch niemand intelligenter. Dasselbe gilt für das sogenannte E-Learning. Man hat vielmehr einsehen müssen, dass es schlechterdings nicht funktioniert. Das wird jedoch nicht etwa zähneknirschend eingestanden, sondern rasch das Zeitalter des „blended learning“ ausgerufen. „To blend“ heißt „mischen“; und dem Lernen hinzuzumischen sei also, damit es wirklich funktioniere, der Lehrer. Die sprachliche Arroganz, mit der hier unabdingbare Faktoren wie menschliche Zuwendung und gegenseitige Wertschätzung durch die Hintertür in den Lernprozess wiedereingeführt werden, ist kaum zu überbieten.

Jugendliche haben zunehmend Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, etwas zu lesen und zu verstehen oder gar einen zusammenhängenden Text zu Papier zu bringen. Ihre Fähigkeit zur Konzentration und zur Versprachlichung von Gedanken hat ebenso abgenommen wie ihre soziale Kompetenz. …

„Macht Google uns dumm?“ – So lautet der Titel eines 2008 publizierten und mittlerweile in Buchform vorliegenden Klassikers unter den medienkritischen Essays. Die Gehirnforschung kann zeigen, dass nicht etwa Google allein und nicht nur die Dummheit ein Grund zur Beunruhigung sind. Denn weil sich Gehirne mit der Benutzung ändern, kann die tägliche Nutzung digitaler Medien mit Sicherheit eines nicht haben: keinerlei Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Wenn man sich Mühe gäbe, gute Lernsoftware zu programmieren und an die Schulen zu bringen, wenn man sich darüber klar würde, dass mediale Gewalt zu mehr Gewalt in der realen Welt führt (der Zusammenhang ist etwa so stark wie der zwischen Rauchen und Lungenkrebs), wenn man die Dosis (die wie immer das Gift macht) beschränken würde – auf null für Kinder bis drei Jahre, auf höchstens eine Stunde am Tag für Schüler der Sekundarstufe II) – und wenn Medien niemals dazu verwendet würden, den Kontakt junger Menschen mit Erwachsenen oder anderen Kindern und Jugendlichen zu ersetzen, dann könnten digitale Medien durchaus ein Segen für die Gesellschaft sein. Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, ist Vorsicht geboten. Wer etwas anderes behauptet, der trägt die Beweislast.

In Kalifornien konnten neun bis elf Monate alte Säuglinge chinesische Laute von einer Chinesin lernen, die ihnen vorlas. Wenn sie dieselbe Chinesin auf CD oder Video hörten oder sahen, lernten sie nichts.

Wenn vormittags im Französisch- oder Physikunterricht gelangweilt wenig gelernt worden ist, dann sorgt der Umgang mit der Playstation am Nachmittag dafür, dass das wenige, das am Vormittag dennoch hängenblieb, regelrecht gelöscht wird.

Weil sich unser Gehirn mit dem Gebrauch ständig verändert, kann die tägliche Nutzung digitaler Medien gerade eines nicht haben: keinerlei Auswirkung auf Kinder und Jugendliche.

7. Februar 2011 at 5:15 pm Hinterlasse einen Kommentar

Kräftig ausgesiebt von Prof. Michael Madeja

Dem Dichter Jean Paul wird der Satz zugeschrieben „Das Gedächtnis ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Spätestens die Alzheimer-Erkrankung zeigt uns, dass er irrte. Das Gedächtnis ist störanfällig, nicht immer zuverlässig, oft eine Quelle des Ärgers oder sogar der Verzweiflung – und ist auf der anderen Seite die Voraussetzung für alles Lernen, für Entscheidungsprozesse und andere unserer höchsten geistigen Leistungen. So wären Nachdenken und Entscheidungen überhaupt nicht möglich, wenn wir nicht im Gedächtnis behalten könnten, was die Voraussetzungen oder Alternativen sind. Die Hirnforschung definiert das Gedächtnis als die Funktion des Gehirns, wahrgenommene Informationen über längere Zeiträume zu speichern. Dafür sortiert das Gehirn zunächst einmal schwächere oder als unwichtig eingestufte Informationen aus.
In jeder Sekunde nimmt allein unser Auge Informationen in einer Größenordnung auf, die mehr als zwanzig beschriebenen Schreibmaschinenseiten entspricht. Innerhalb einer Sekunde wird das meiste davon wieder gelöscht, und nicht einmal ein Hunderttausendstel kommt in einen kurzzeitigen Speicher, also von den ganzen Schreibmaschinenseiten höchstens ein Buchstabe. Dieser Speicher, den man als Kurzzeitgedächtnis bezeichnet, hat selbst nur eine geringe Kapazität, die etwa einer Zeile einer Schreibmaschinenseite entspricht. Der Speicher wird deshalb ständig neu zusammengestellt, da die permanent ankommende neue Information die schon vorhandene verdrängt.

Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert über Nervenzellen, die kreisförmig miteinander verschaltet sind. Auf diese Weise kann die Information, die gespeichert werden soll und die – wie im Gehirn üblich – in einer Folge von elektrischen Spannungspulsen besteht, von einer Nervenzelle auf die nächste übertragen werden, bis sie wieder bei der ersten ankommt und der Kreislauf erneut beginnt. So können Gedächtnisinhalte für Minuten bis zu einer Stunde behalten werden. Für das Kurzzeitgedächtnis werden bereits vorhandene Nervenzellkontakte benutzt. Im Gehirn gibt es sehr viele solcher kreisförmige Verschaltungen.

Wenn eine solche kreisförmige Verschaltung wiederholt durchlaufen wird, etwa wenn wir uns denselben Satz immer wieder durchlesen, so werden die Kontaktstellen zwischen den beteiligten Nervenzellen wiederholt aktiviert, was zu einer Verbesserung ihrer Funktion führt. So können zum einen die Spannungspulse eine verbesserte Übertragung bewirken, in dem an den Kontaktstellen mehr des Überträgerstoffes ausgeschüttet wird. Zum anderen bewirkt die erhöhte Freisetzung des Überträgerstoffes in der kontaktierten Nervenzelle, dass mehr Rezeptoren zugänglich werden, an die sich der Überträgerstoff binden kann. Beides führt dazu, dass die Information mit größerer Verlässlichkeit von einer Nervenzelle auf die andere übertragen wird. Die kreisförmige Verschaltung wird stabilisiert. Wir haben etwas – wenn auch zunächst nur kurzfristig – gelernt.

Da der Speicher des Kurzzeitgedächtnisses klein ist und permanent überschrieben wird, gehen damit die gespeicherten Informationen verloren – oder werden in einen dauerhafteren Speicher überführt, den man als Langzeitgedächtnis bezeichnet. In diesem können Erinnerungen viele Stunden, bis zu mehrere Jahre oder sogar ein ganzes Leben lang gespeichert werden – wie etwa Bilder aus unserer Kindheit.

Die in diesen Speicher übertragene Informationsmenge ist wiederum sehr viel geringer als im kurzzeitigen Gedächtnis – von den mehr als tausend Schreibmaschinenseiten, die unser Auge in jeder Minute aufnimmt, sind es etwa drei Buchstaben in einer Minute. Dafür ist die Speicherkapazität für diese dauerhaften Erinnerungen sehr hoch; man schätzt sie für jedes menschliche Gehirn auf eine Informationsmenge, die einer großen Bibliothek von einigen tausend Büchern entspricht.

Die Alternative „Verlust der Information“ oder „Überführung ins Langzeitgedächtnis“ wird dabei wieder durch die Frage der Wiederholung bestimmt: Wird die Folge von Spannungspulsen in den kreisförmigen Verschaltungen der Nervenzellen nicht mehr aktiviert, werden mit der Zeit die verbesserten Kontaktstellen wieder in normale zurückgeführt und der Gedächtnisinhalt geht verloren. Kommt es jedoch zur weiteren Wiederholung der Folge von Spannungspulsen, dann wird die kreisförmige Verschaltung dauerhafter stabilisiert.

Dazu gibt es zusätzliche Mechanismen, die über die Verbesserung der Kontaktstellen in einer kreisförmigen Verschaltung von Nervenzellen hinausgehen. Eine davon ist die Neubildung von Kontaktstellen oder Rezeptoren für den Überträgerstoff. So wird die Übertragung des Spannungspulses über parallele Strukturen gleichsam abgesichert und stabilisiert. Auch hier gilt das einfache Prinzip, dass das vom Gehirn als wichtig eingestuft wird, was wiederholt wird. Wir müssen also, um langfristig zu lernen, wiederholen, egal ob wir Vokabeln einer Fremdsprache lernen, ein Stück auf einem Musikinstrument üben oder uns ein Bild von Michelangelo einprägen wollen. Im Gegensatz zu diesen recht gut bekannten Mechanismen wissen wir über die Lokalisation des Gedächtnisses im Gehirn wenig. Es ist klar, dass die Hirnrinde daran entscheidend beteiligt ist, allerdings können auch andere Hirnteile – wie das Kleinhirn – involviert sein. Wichtig sind in jedem Fall auch noch die an den Emotionen beteiligten Hirnteile. Das merkt man selbst daran, dass wir nur sehr schwer lernen, wenn wir keine Lust dazu haben. Definierte und spezialisierte Stellen der Hirnrinde, an denen eine Gedächtnisinformation abgelegt ist, scheint es aber nicht zu geben.

Durch einen fehlgeschlagenen therapeutischen Ansatz kennen wir zudem einen Bereich der Hirnrinde, der für die Übertragung vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis essentiell ist: den Hippocampus. Zur Behandlung seiner epileptischen Anfällen entfernte man einem Patienten auf beiden Seiten den Hippocampus. Dies führte dazu, dass er sich nur noch an Ereignisse vor der Operation erinnern konnte, bis zum Ende seines Lebens aber nicht mehr an irgendetwas, was mehr als einige Minuten zurücklag.

Unser Wissen über die Mechanismen der Gedächtnisbildung im Gehirn ist also schon recht gut – und wird ständig durch neue Forschung erweitert. So wissen wir zum Beispiel erst seit kurzem, dass neben den Mechanismen an den Kontaktstellen auch die Entstehung der Spannungspulse außerhalb der Kontaktstellen bei der Gedächtnisbildung modifiziert wird. Und in einer im Februar dieses Jahres publizierten Untersuchung konnte gezeigt werden, dass der Verlust der Gedächtnisinformation nicht nur rein passiv durch fehlende Stabilisierung erfolgt, sondern auch aktiv durch einen in den Nervenzellen produzierten Stoff beschleunigt werden kann.

So hat die Forschung schon manches Rätsel dieser besonderen und wichtigen Hirnfunktion gelöst. Das Gedächtnis wird uns als Mensch aber weiterhin rätselhaft und unkalkulierbar bleiben. Und wer sich gerade wieder mal über eine Gedächtnislücke ärgert, möge sich mit Friedrich Nietzsche trösten: „Der Vorteil des schlechten Gedächtnisses ist, dass man dieselben guten Dinge mehrere Male zum ersten Mal genießt.“

Quelle:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=2585424&em_loc=1739

1. Mai 2010 at 8:05 pm Hinterlasse einen Kommentar

Fit fürs Leben

Für eine sich ständig ändernde Welt (Wissensgesellschaft, Globalisierung …) brauchen unsere Kinder eine möglichst optimale Vorbereitung. Als Grundstein für lebenslanges Lernen brauchen sie ein dauerhaftes Gefühl des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten und die Zuversicht, den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky nennt dieses positive Lebenskonzept  „Kohärenzgefühl“1).

Diese Grundhaltung setzt sich aus drei Komponenten zusammen: 

  1. Ein Mensch muss die Welt als verstehbar erfahren können. Dazu bedarf es des WISSENs als kognitives Verarbeitungsmuster.
  2. Er muss die Überzeugung ausbilden, dass Schwierigkeiten zu bewältigen und lösbar sind. Dazu bedarf es des Vertrauens in das eigene KÖNNEN als kognitiv-emotionales Verarbeitungsmuster.
  3. Er muss einen Sinn darin sehen, dass Anforderungen und Probleme es wert sind, sich dafür zu engagieren und Energie zu investieren. Dazu bedarf es des WOLLENs als motivationale Komponente.

Die Schule soll Schüler darauf vorbereiten,… „ihr zukünftiges privates, berufliches und öffentliches Leben auszufüllen, bei fortschreitender Veränderung wachsende Anforderungen zu bewältigen und die Freizeit sinnvoll zu nutzen.“ (Hessisches Schulgesetz, §2)

Wir stellen fest, dass Schule dieser Aufgabe bisher nicht ausreichend gerecht wird.
Viele junge Menschen erreichen das angestrebte Bildungsziel nicht. Die schulische Laufbahn ist oft geprägt von Versagen, „Sitzenbleiben“,  Abrutschen „nach unten“ und schlimmstenfalls dem Verlassen der Schule ohne Abschluss. Damit einher geht oft auffälliges, sich selbst schädigendes und die Gemeinschaft belastendes Verhalten.

Anlass genug,  Schule „neu zu denken“
Quelle: www.hessenwaldschule.de

22. Juli 2009 at 12:58 pm Hinterlasse einen Kommentar

Methoden und Techniken für das selbstorganisierte Lernen

 SOL erfordert Schülerinnen und Schülern Arbeitstechniken, die für den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten nötig sind. Angefangen von der Literatur- und Stoffsuche über das Verstehen von Texten, vom Zeitmanagement hin zur Präsentation von Lernergebnissen in Referaten oder dem Schreiben einer Ausarbeitung oder Facharbeit.
Diese Basiskompetenzen sind notwendige Voraussetzung, um die Selbstständigkeit des Schülers zu fördern. Dies gilt sowohl für das eigene Erarbeiten und Präsentieren von neuen Erkenntnissen als auch für die Zusammenarbeit im Team, Wissen suchen und Zusammenhänge erkennen.
Die folgenden Fähigkeiten sind vor allem im Lernfeldunterricht gefordert.

  • Richtiges Lernen
  • Textverständnis
  • Informationen beschaffen und verarbeiten
  • Argumentieren – Diskutieren
  • Projekte und Präsentationen
  • Schriftliche Formen der Verständigung
  • Ausarbeitungen oder Facharbeit schreiben

7. Februar 2009 at 12:50 pm Hinterlasse einen Kommentar


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